Zeitgeist Zeitschriften



Das Thema meiner Masterarbeit Zeitgeist Zeitschriften war die Analyse der Konstruktion von moderner Weiblichkeit in vietnamesischen Frauenzeitschriften. Zentrale Frage war dabei welches Idealbild von Weiblichkeit der vietnamesischen Frau in Frauenzeitschriften suggeriert und wie die Person eines Menschen durch Diskurse über Werte und Normen in Medien konstituiert wird?

Medien sind ein wichtiger Bestandteil der öffentlichen Meinungsbildung. Medien können als „Vermittler“ gesehen werden, die als „Vehikel“ zwischen „realer Wirklichkeit“ und dem teilweise unbewusst konsumierenden Rezipienten agieren. Medien unterliegen „stakeholdern“, sprich Organen, die ein Interesse an dem Inhalt und der Wirkung besitzen: In Vietnam unterliegen die Medien der kommunistischen Partei und befinden sich somit unter der direkten Kontrolle des vietnamesischen Staates. Die jährliche Lizenzvergabe schränkt die Meinungsfreiheit innerhalb der Printmedien weiterhin ein. Medien können als Machtinstrumente gesehen werden, die Meinungen von Regierungen sowie wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Apparaten an ein breites Publikum transportieren.

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Seit 2008 finden sich in Vietnam zunehmend auch internationale Frauenzeitschriften wie Her World, Cosmopolitan und Elle. Das Bild in den vietnamesischen Frauenzeitschriften wird also durch die direkte Arbeit zwischen einem vietnamesischen und einem internationalen Verlag mit westlichen Weiblichkeitsprofilen beeinflusst. Lisa Drummond, eine Genderforscherin in Vietnam, sagt dazu, dass die Analyse von Frauenzeitschriften auf das Bild von Weiblichkeit in einer Gesellschaft als ein „wichtiger Handlungsstrang in der feministischen Kritik der modernen Kultur“ gesehen. Durch die Analyse von Frauenzeitschriften können neue Entwicklungen innerhalb des weiblichen Rollenverständnisses und der sozialen Position einer Frau in einer Gesellschaft festgemacht werden. Das Aufkommen vieler Frauenzeitschriften lässt häufig auf soziale Veränderungen in einer Gesellschaft schließen, da eine Vielzahl von Zeitschriften unterschiedliche Frauenbilder verbreiten und verschiedene Altersgruppen und soziale Schichten ansprechen.

Ein Diskurs geht laut Michel Foucault über das Erwähnen eines bestimmten Themas hinaus. Vielmehr stehen hinter einem Diskurs immer auch gesellschaftliche Ansichten zu einem bestimmten Thema. An Diskursen interessieren Michel Foucault besonders die bestehenden Grenzen und ihre Funktion als Machtinstrument. Michel Foucault sagt dazu, dass „in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird“. (Foucault 1992)

Die in den Medien präsentierten Geschlechterverhältnisse und Rollenbilder innerhalb einer Gesellschaft sind „ein Produkt herrschender Macht- und Diskursverhältnisse“, die Michel Foucault als das Wirken der Biomacht sieht. Durch die Biomacht unterliegen Fortpflanzung, Geburten- und Sterblichkeitsrate, das Gesundheitsniveau und die Lebensdauer eingreifenden Maßnahmen und regulierenden Kontrollen. Diesen Vorgang nennt Michel Foucault die „Bio-Politik der Bevölkerung“. (Foucault 1983)

Diese Machttheorie hebt laut Michel Foucault besonders die Sexualität hervor, da diese sozusagen als Bindeglied zwischen der Disziplinierung des Körpers und der Regulierung der Bevölkerung steht. Durch den starken Fokus auf den Menschen, seinen Körper und seine Lebensweise, wird die Sexualität als Zugang zum Individuum genutzt, wodurch auch gleichzeitig die Kontrolle der Bevölkerung funktioniert. Diese Entwicklungen sind weniger Gesetze als vielmehr Normen, die regulierend wirken und für Normalität in der Gesellschaft sorgen. Die Theorie von Michel Foucault soll der Forschungsarbeit dazu dienen durch die Betrachtung des Sprechens über Sexualität, Praktiken und Gesetze in Frauenzeitschriften komplexe Machtverhältnisse zu analysieren, in dem festgestellt, in welcher Form das Thema Sexualität Bestandteil einer öffentlichen Diskussion ist. Es geht also weniger darum, was über Sexualität gesagt wird, sonder vielmehr, dass über die Sexualität im öffentlichen Raum geredet wird. Dadurch entsteht ein umfangreiches Wissen über die Ideen und Ansichtsweisen von Sexualität, gleichzeitig kann so auch genau analysiert werden, welche Apparate in einer Gesellschaft und einem Staat Diskurse über Sexualität verbreiten. Die Zeitschriftenanalyse erfolgt also nicht in der Form einer rezipientenorientierten Medienanalyse, also einer Medienwirkungsforschung, sondern in Form einer Diskursanalyse, da für die Forschungsarbeit vielmehr von Interesse ist, wie Printmedien von Regierungen, in diesem Fall der vietnamesische  Partei, dazu genutzt werden, um Vorstellungen zu Weiblichkeit in der vietnamesischen Gesellschaft zu verbreiten.

Als eine repräsentative Materialgrundlage, stellvertretend für eine Vielzahl von Frauenzeitschriften, wurde jeweils eine Ausgabe von drei unterschiedlichen vietnamesischen Frauenzeitschriften ausgewählt, die aufgrund verschiedener Preissegmente und ihrer Aufmachung unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.Die Ausgaben werden als repräsentativ für die entsprechende Frauenzeitschrift gesehen, da aufgrund einer Vorabanalyse der vorangegangen Ausgaben die Inhalte und Themen übereinstimmen. Die Ausgaben können somit als Muster der betreffenden vietnamesischen Frauenzeitschriften gesehen werden. Analysiert wurde die vietnamesische Ausgabe der Cosmopolitan, die The Gioi Phu Nu und die Phu Nu Viet Nam.

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Meine Forschungsarbeit hat gezeigt, dass durch die Verwendung der Theorien von Michel Foucault weniger die soziale Wirklichkeit in Vietnam wiedergegeben werden kann, als dass vielmehr durch die verwendete Analyse die Verfahren und Methoden verdeutlicht werden, wie Frauenzeitschriften ein Bild von Weiblichkeit produzieren und mit welcher Methode die kommunistische Partei und die durch die Zensur kontrollierten Verlage ihr Bild von Weiblichkeit transportieren.

Bezugnehmend auf die eingehend vorgestellte Theorie von Michel Foucault über die Funktion von Diskursen und der Machttheorie Biomacht zur Kontrolle einer Gesellschaft kann davon ausgegangen werden, dass die vietnamesische Partei und die durch die Zensur kontrollierten Verlage über das in den Frauenzeitschriften transportierte Bild von Weiblichkeit eine Kontrollmacht über die vietnamesische Frau ausüben. Durch die Botschaft der Artikel wird der vietnamesischen Frau ein Rollenverhalten vorgestellt, welches für die vietnamesische Gesellschaft als Norm gilt. Diese Botschaft wird der vietnamesischen Leserin durch Fremdzuschreibungen von Diskursen über Werte und Normen in Artikeln über Familie, Liebe, Gesundheit, Schönheit oder Karriere vermittelt.

Durch den starken Fokus der Frauenzeitschriften auf diese Themen haben die hinter den Zeitschriften stehenden Organe einen direkten Zugriff auf die Verhaltensweisen von Frauen in bestimmten Situationen. Es wird ihnen vorgegeben, wie sie eine gesunde Lebensführung im Bezug auf Ernährung und Partnerschaft gestalten.

Hinter diesen Botschaften der Artikel stehen viel komplexer Machtverhältnisse, als sie der Leserin zunächst erscheinen. Die Frauenzeitschriften können direkt beeinflussen, wie sich eine Frau gibt, wie sie sich über ihre sexuelle Identität identifiziert.

Dazu dient der Frauenzeitschrift die ständige Betonung der Heteronormativität. Das Idealbild von vietnamesischer Weiblichkeit basiert in den analysierten Frauenzeitschriften auf dem sozialen Gedanken der Zweigeschlechtlichkeit bzw. Heteronormativität der vietnamesischen Gesellschaft. Dabei wird die Heterosexualität der vietnamesischen Frau als Selbstverständlichkeit angesehen und gilt für die Gesellschaft als Norm und Standard für eine gesunde Bevölkerungsentwicklung. Der Gedanke der Heteronormativität strukturiert das familiäre Zusammenleben der vietnamesischen Frau in einer heterosexuellen Partnerschaft, sowie ihre Vorstellung von Sexualität, in der es neben den Geschlechtern Mann und Frau keine Abweichung gibt.

Auch die von Michel Foucault erwähnten Grenzen des Diskurses, die einen Menschen in seiner Lebensführung einschränken, werden in den Frauenzeitschriften zur Kontrolle benutzt. Es werden der vietnamesischen Frau in den drei untersuchten Frauenzeitschriften unterschiedliche Typen von moderner vietnamesischer Weiblichkeit präsentiert. Dabei entstehen für die vietnamesische Frau verschiedene Positionierungsmöglichkeiten für die eigene weibliche Identität, die jedoch durch Grenzen des jeweils herrschenden Diskurs in der Zeitschrift eingeschränkt sind. Es bilden sich somit vorgegebene Handlungsräume für die vietnamesische Frau, in denen sie mit unterschiedlichen Werteschemata und Normen konfrontiert wird.

Frauenzeitschriften sind also vielmehr als nur eine Plattform für Werbung von Kosmetikfirmen oder an eine Anhäufung von belanglosen Themen (Horoskope, Psychotests …). Durch die detaillierte Analyse der Artikel konnte festgestellt werden, dass Frauenzeitschriften vielmehr den Zeitgeist einer Gesellschaft wiederspiegeln können. Der Aufgriff aktueller Themen über eine Partnerschaft zu Ausländern oder die zunehmenden beruflichen Chancen für karriereorientierte Frauen zeigt eine direkte Auseinandersetzungen mit sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen. Dies kann auch als Erklärung für die fast einheitlichen Sichtweise der drei Frauenzeitschriften gesehen werden. Bestand zu Beginn der Forschungsarbeit die Annahme, dass die zwei vietnamesisch geprägten Frauenzeitschriften The Gioi Phu Nu und Phu Nu Viet Nam ein traditionelleres, „altmodischeres“ Bild von Weiblichkeit vermitteln, so hat die Analyse der Artikel gezeigt, dass auch sie auf aktuelle Themen wie karriereorientierte und emanzipatorische Frauen eingeht. Die vietnamesische Partei und Frauenunion verbinden in der The Gioi Phu Nu und der Phu Nu Viet Nam systematisch westliche Einflüsse, wie ein freieres Rollenverständnis von Mann und Frau, mit dem traditionellen Bild von Weiblichkeit in der vietnamesischen Gesellschaft. So schafft die Frauenunion in den Frauenzeitschriften ein Bild, welches den aktuellen Lebensumständen von Frauen entspricht und mit der sich die Leserin identifizieren kann.

Insgesamt lässt meine Forschungsarbeit erkennen, welchen starken Einfluss Medien und öffentliche Diskurse auf die Gestaltung und Konstituierung von Sexualität besitzen und, dass besonders vietnamesischen Frauenzeitschriften eine entscheidende Bedeutung bei der Konstruktion von Weiblichkeit zugeschrieben werden kann.

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