Reiselust, Fremdheit, Sehnsucht: Auf Reisen mit einem Suchenden – Hermann Hesse



Wenn ich an Südostasien denke, überfällt mich häufig ein Gefühl von Sehnsucht und Reiselust. Auch wenn mein Aufenthalt in Singapur verhältnismäßig kurz war (etwas über vier Jahre), so war diese Zeit für mich prägend. Singapur ist ein Teil von mir – der Geruch, die Wärme, die Menschen – und ist Teil meiner Heimat. So scheint es auch Hermann Hesse ergangen zu sein, als er sich nach Indien und Malaysia, Singapur und Indonesien aufmachte.

Hermann Hesse gilt als einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller. Schon früh kam er mit der Kultur Indiens in Kontakt, geprägt von seinem Großvater, einem Missionar, seiner Mutter, die in Indien geboren wurden, und seinem Vater, der ihm aus seinen Büchern von diesem fernen Land erzählte. Der indische Einfluss und eine gewisse Offenheit gegenüber anderen Kulturen war Hermann Hesse somit bereits in die Wiege gelegt und begleitete ihn, nicht zuletzt sichtbar in seinen unzähligen Schriften über die indische Kultur, ein Leben lang. Seine ersten wirklichen Eindrücke Indiens und des Fernen Ostens erlangte er zusammen mit seinem Malerfreund Hans Sturzenegger auf seiner einzigen Reise nach Asien 1911. Diese Eindrücke hielt Hermann Hesse in Form von Aufzeichnungen, Tagebucheinträgen, Gedichten, Betrachtungen und Erzählungen in seinem Buch Aus Indien fest.


Quelle: www.libri.de

 

Für Hermann Hesse war die Reise nach Asien vielmehr als nur ein Abenteuer. Reisen bedeutet für ihn die Suche nach einer Erneuerung und Verbesserung des Seins, nach einer Wiederherstellung von Ursprünglichkeit. Gedanken über Fremdheit, Gleichheit und Heimatgefühl überdecken seine Reise und begleiteten ihn bis in seine Träume. Ständig auf der Suche nach einer Alternative zu Europa sucht er selbst in den abgelegensten Orten Asiens nach das Heimatgefühl. So beschreibt er, dass er sich trotz Verständigungsprobleme beispielsweise bei den Gräbern von Palembang „nirgendwo in der Fremde so unfremd und so von der Selbstverständlichkeit und vom klaren Fluss alles Lebens umschlossen gefühlt wie dort [hier]“.

An die Stelle der Fremdheit trat für ihn die Gewöhnung; die Gewöhnung an das tropische Klima, die Moskitos, die indischen Mahlzeiten, die plagenden tropischen Krankheiten und den bettelnden, käuflichen Menschen. Nie konnte er sich jedoch an den Geruch des Kokos- und Zitronellaöls gewöhnen, welches die Einheimischen zum Kochen und als Creme nutzten. Dieses Öl „ist von einer trüben, ekelhaften Zähigkeit, und während meines ganzen Aufenthaltes im Osten war dieser Geruch der einzige Punkt, in welchem meine Menschlichkeit sich von der Menschlichkeit der Natives ernstlich, ja widerwillig abwandte“.

Vielmehr als der Gedanke an Fremdheit blieb Hermann Hesse seine Erinnerungen an die Verwandtschaft der fernen Welt mit seinem eigenen Menschenwesen. Er erinnerte sich weniger an „exotisches“, sondern nahm aus seiner Reise ein starkes Gefühl von Einheit und nahen Verwandtschaften aller Menschenwesen mit, welche er unter den Indern, Malaien, Chinesen und Japanern gespürt hat. Seine Beobachtungen und Erinnerungen beziehen sich somit vielmehr auf Ähnlichkeiten als Unterschiede zwischen einzelnen Völkern zu suchen.


Quelle: www3.noz.de

 

Die Reise in den Fernen Osten war für Hermann Hesse eine Flucht aus seiner Ehe, aus dem damaligen gesellschaftliche und politischen Europa, welches auf den ersten Weltkrieg zusteuerte und er aufgrund „seiner grellen Geschmacklosigkeit, seinem lärmigen Jahrmarktbetrieb, seiner hastigen Unruhe, seiner rohen, tölpenhaften Genusssucht“ geradezu hasste. Zugleich aber war diese Reise für ihn auch eine tief in ihm liegende Sehnsucht nach einem anderen Leben als das seine und eine Rastlosigkeit. Diese Rastlosigkeit und Reiselust eines Menschen wie Hermann Hesse, der mit Abenteuerlust und Offenheit fremde Länder erkundet,  wird in seinem Gedicht Gegenüber von Afrika am deutlichsten.

 

Heimathaben ist gut,
Süß der Schlummer unter eigenem Dach,
Kinder, Garten und Hund. Aber ach,
Kaum hast du vom letzten Wandern geruht,
Geht dir die Ferne mit neuer Verlockung nach.
Besser ist Heimweh leiden
Und unter den hohen Sternen allein
Mit seiner Sehnsucht sein.
Haben und rasten kann nur der,
Dessen Herz gelassen schlägt,
Während der Wandrer Mühsal und Reisebeschwer
In immer getäuschter Hoffnung trägt.
Leichter wahrlich ist alle Wanderqual,
Leichter als Friede finden im Heimattal,
Wo in heimischen Freuden und Sorgen Kreis
Nur der Weise sein Glück zu bauen weiß.
Mir ist besser, zu suchen und nie zu finden,
Statt mich eng und warm an das Nahe zu binden,
Denn auch im Glücke kann ich auf Erden
Doch nur ein Gast und niemals ein Bürger werden.

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