Cyclo



  Tran Anh Hung, 1995 (Vietnam, Frankreich)

I made Cyclo [Xich Lo] to show distress and misery in today’s Vietnam. It is ravaged by wild capitalism and bled by years of American embargo. There is no more morality. When one meets a beautiful woman in Ho Chi Minh City, one can be sure that she sells her body. Tran Anh Hung, Regisseur Cyclo

Der Regisseur Tran Anh Hung flüchtete nach dem Fall Saigons 1975 zusammen mit seinen Eltern nach Frankreich und kehrte erst Anfang der 1990 wieder zurück nach Vietnam. Dieser Film spiegelt Tran Anh Hungs eigene Zerrissenheit gegenüber seinem Heimatland wider. Das Land, welches er zu dem Zeitpunkt vorfand, entsprach nur noch wenig seinen Erinnerungen und Vorstellungen.




Die Straßen der Millionenmetropole und ehemaligen südvietnamesischen Hauptstadt Saigon, heute Ho Chi Minh Stadt, sind der Arbeitsplatz des jungen Cyclo. Von morgens bis abends ist er mit seiner Fahrradrikscha Teil eines lärmenden Chaos, welches sich täglich in Ho Chi Minh Stadt vergrößert.

Seit sein Vater bei einem Unfall mit seiner Rikscha ums Leben kam, trägt Cyclo die Last des Versogers für die vierköpfige Familie, bestehend aus seinen zwei Schwestern und dem Großvater. Er übernimmt die Arbeit als Rikscha-Fahrer. Als Cyclo die Fahrradrikscha gestohlen wird, gerät sein sonst so geregeltes Leben aus den Fugen. Er muss die Leihgebühr für seine Rikscha bei der Chefin durch kriminelle Machenschaften abarbeiten. So lernt er den Poeten, den Kopf einer Bande, die für die Chefin arbeitet, kennen. Der Poet betätigt sich auch als Zuhälter der älteren Schwester, die ihm verfallen ist und sich für ihn prostituiert. Cyclo versucht mehrmals sich den Tätigkeiten der Bande zu verweigern. Erst als der Poet sich in der Neujahrsnacht das Leben nimmt und die Chefin bei einem Autounfall ihren geliebten Sohn verliert, gelingt es Cyclo und seiner Schwester der Macht des Poeten und  der kriminellen Welt der Chefin zu entkommen und seine Tätigkeit als Rikschafahrer wieder aufzunehmen.




Der Poet verrennt sich im Film zunehmend in Widersprüchlichkeiten; als Kopf der Bande der Chefin des Cyclo agiert er als starker, skrupelloser Charakter, der nicht davor zurückschreckt, einen Menschen auf brutale Art und Weise umzubringen. Andererseits scheint er gebrochen und verzweifelt, was sich zuletzt in seinem Selbstmord abzeichnet. Von seinem Vater aufgrund seiner Lebensweise und Berufswahl verstoßen, versucht er sein Leben alleine zu bewältigen, in dem er in Vietnams Unterwelt arbeitet und junge Mädchen als Prostituierte verkauft. Er scheint sich dieser neuen Welt nicht entziehen zu können, nicht einmal dann, wenn er aus der Stadt in das Umland flüchtet, in dem er aufgewachsen ist.

Der Poet steht nicht als typischer Vertreter Vietnams Unterwelt dar, sondern dient Tran Anh Hung zur Reflektion seiner eigenen Zerrissenheit gegenüber seinem Heimatland. Der Poet spiegelt den Zwiespalt zwischen der Unschuld und Nostalgie von Tran Anh Hungs Erinnerungen und den heutigen Veränderungen seines Heimatlandes wider. Die Gedichte des Poeten zeugen von Distanz und Exil. 




Die Stadt Saigon steht für Tranh Anh Hung stellvertretend für die vietnamesische Gesellschaft. Seit der Reformpolitik 1986 befindet sich die Stadt im Wandel und ständigen Konflikt zwischen westlichem Einfluss und traditionellen Werten. Diesen Konflikt greift Tran Anh Hung auf und konstruiert mit Saigon eine Region der Kontraste. Die Schnelllebigkeit und Hektik der Stadt stehen im starken Kontrast zu der Tätigkeit des Cyclo als Rikscha-Fahrer. Eine Halbtotale zeigt den jungen Cyclo auf der Straße von Saigon umgeben von Autos und Motorrädern; es sind laute Motorengeräusche zu hören, die zur Atmosphäre einer chaotischen Stadt beitragen. Durch die beginnende Massenmotorisierung und Expansion des privaten Transportwesens (Motorrad- und Pkw-Taxis) geraten der Beruf und die Lebensmöglichkeiten eines traditionellen Cyclo-Fahrers in Gefahr. Er gilt aufgrund seiner geringen Geschwindigkeit als Behinderung des Stadtverkehrs und wird somit nach und nach durch die Regierung von der Straße verbannt und durch Konkurrenz verdrängt.



Cyclo symbolisiert die Ursprünglichkeit Vietnams, da er mit seiner Tätigkeit als Fahrradrikscha-Fahrer einen traditionelle Beruf hat, der mit dem das alten Vietnam verbunden wird.

Er symbolisiert gleichzeitig auch den Kampf des Einzelnen um in der neuen kapitalistischen Welt zu überleben, die sich täglich verändert. Man kann behaupten, dass Tran Anh Hung mit Cyclo eine Figur geschaffen hat, die das Land Vietnam widerspiegelt. Beherrscht von Ländern (China, Frankreich, Amerika) oder heute von den kapitalistischen Einflüssen und zerstört durch Kriege hat sich dieses Land immer wieder zu sich finden können und wurde somit widerstandsfähiger. Genauso erscheint auch Cyclo, der, während er für den Poeten arbeitet, durch Himmel und Hölle geschickt wird, und es trotzdem wieder schafft, in sein Leben zurück zu finden. In ihm sieht man die Kraft Vietnams, welches durch äußere Einflüsse überrannt wird, und sich bei Rückschlägen und Problemen wie ein Stehaufmännchen verhält.

© Copyright Sea Inside - Designed by Pexeto